Der dritte Testbericht der ISPO BRANDNEW Gewinner kommt von Thomas Rehwald. Er hat ausführlich den Overall Winner Oru Kajak getestet.

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Faltboote. Das sind doch diese Dinger mit vielen Streben, Spanten, Versteifungen aus Holz, Aluminium oder auch faserverstärktem Epoxid. Darüber muss dann eine dünne Schicht aus Stoff gezogen werden, die seit dem letzten Jahr bestimmt wieder neue Löcher bekommen hat. Total umständlich aufzubauen. Bis diese vielen kleinen Teile an ihren Positionen sind und irgendwann dann die Haut über das Gerippe gezogen ist, kann gut und gerne – wenn man das Boot nur alle Jubeljahre mal zusammenbaut – eine oder auch zwei Stunden vergehen. Die Alternative sind diese gummiwulstgestützten Aufblasboote. Ein leerer Sack, in denm Luftschläuche eingebaut sind, die das Boot im wahrsten Sinne des Wortes aufblähen. Doch das hat nun vielleicht ein Ende…

Keine Stangen, Luftschläuche oder Stoffhäute

IMG_0035Eine kleine Gruppe von Tüftlern in Kalifornien hat sich gedacht, warum nicht ein Kajak aus einem Stück machen. Keine Stangen, Luftschläuche oder Stoffhäute, sondern ein einziges Stück, kunstvoll gefaltet. Oru Kayak war geboren. Das Boot, in einem Karton, etwa so groß wie ein kleiner Couchtisch, verpackt, kommt auf dem ersten Blick recht unscheinbar daher. Nichts deutet darauf hin, dass man mit diesem, nur rund 12 Kilo schwerem, Kunststoffklotz knapp 130 Kilo Mensch und Gepäck über Flüsse und Seen befördern kann. Das Material kam mir ziemlich bekannt vor. So etwas Ähnliches hängt hier gerne mal als Werbe- oder Wahlplakat an Laternenmasten oder wird als Doppelstegplatten an Wintergärten montiert. Natürlich war dieses hier um einiges dicker vom Material und die Kammern sind dichter beieinander als bei der Wintergarteneindeckung, aber die flexible Materialanmutung bleibt. Einzig die vielen, augenscheinlich bewusst gesetzten Knicke lassen einen ob der Stabilität erst einmal grübeln.

Der erste Aufbau dauert knapp 20 Minuten

Nach dem Studium der Bedienungsanleitung wurde das Boot erst einmal in der guten Stube, in das es mit seinen nur 3,66 Metern Länge, eigentlich problemlos hineinpasste, zusammengesetzt. So ein Trockentraining ist ganz praktisch, da man so auch im Dezember trocken und warm das Spielzeug zusammenbauen kann, außerdem lernt man so die kleinen Tricks und Kniffe besser kennen, die es braucht, um das Boot aufzubauen. Besser hier in der Stube lernen, als draußen am See, wo es kalt ist und man nicht mal eben im Internet noch ein Video zum Aufbau auf der Herstellerseite zu Rate ziehen kann. Der erste erfolgreiche Aufbau dauert knapp 20 Minuten, Internet-Recherche mit eingerechnet.

Die richtige Position finden

Nun aber erst mal Probesitzen. Für meine 183cm ist das Boot ein bisschen klein. Oder meine Beine sind zu lang, denn ich kann die Füße nicht einfädeln, wenn ich schon drinnen sitze. Also auf den hinteren Süllrand gesetzt, beide Beine gerade nach vorne in den Fußraum ausstrecken und reinrutschen. Nun ist die Fußstütze zu kurz, also diese so weit nach vorne und so weit nach oben in einen Knick geschoben wie es geht. Es ist immer noch zu knapp, ein richtiges Verkeilen der Knie ist so kaum möglich. Später wird sich beim zweiten Aufbau dann zeigen, dass die flexible Form des Bootes hier von Vorteil ist, da die nun schon mit etwas Spiel nach vorne eingestellte Fußstütze dann beim Zusammenbau den Rumpf ein wenig in die Breite drückt und sich so besser der Fußposition anpassen lässt. Ganz ideal ist diese Position allerdings immer noch nicht, da nun die Füße passen und die Knie sich auch besser einkeilen können, allerdings schlafen mir nach ca. 45 Minuten die Füße in der relativ flach gestreckten Position einfach ein. Das ist erst mal nicht weiter schlimm. Bis zu dem Zeitpunkt, wo man wieder DSCF0028aus dem Boot möchte. Da ist es nämlich von Nachteil, wenn man sich mit Paddelbrücke wieder aus dem Boot befreien möchte und einem die Beine einfach wegknicken. Das ist jetzt allerdings keine Kritik am Oru Kayak, sondern eher meiner persönlichen Physiognomie geschuldet. Meine Frau hat da wesentlich weniger Probleme mit, ist sie doch um einiges kleiner als ich.

Die erste Ausfahrt

Die erste Ausfahrt sollte dann auf der Müritz-Elde-Wasserstraße bzw. ein paar Nebenarmen der selbigen in und bei Grabow stattfinden. Hierzu hatte ich mich mit einem alten Freund verabredet, der sein Kajakrevier dort hat. Das Einsteigen in ein Kajak an so einem Kanal hat so seine Tücken, denn Kanäle haben typischerweise keine flachen, sandigen Uferzonen, sondern steil abfallende Flanken, die direkt in tiefes Fahrwasser münden. Hier hieß es also einen noch im Wasser befindlichen, möglichst flachen Steg zu finden, der es mir erlaubt, mittels Paddelbrücke in das Cockpit zu gleiten. Kaum im Boot, ging es auch gleich mit reichlich Rollen um die Längsachse los. Kein Wunder, denn die DSCF0003Bootsform verspricht zwar eine relative gute Endstabilität, was allerdings im Stand zu Instabilitäten führen kann, welche mit ein wenig Gewöhnung allerdings ziemlich schnell in den Griff zu bekommen sind. Wenn man sich erst einmal an das Boot gewöhnt hat, macht einem auch das Herumhantieren im Stand keine Schwierigkeiten, zumal die Stabilität ab einem bestimmten Kränkungswinkel rapide zunimmt. Ein Kentern ist so zwar eigentlich immer als Angst im Hinterkopf, man muss dazu allerdings schon etwas schlimmer im Boot herumturnen um wirklich ernsthaft zu kentern. Ich habe das allerdings bei 4° Wassertemperatur nicht unbedingt ausprobieren wollen und lieber auf eine Eskimorolle verzichtet. Schon wenig Fahrt reicht aus, um dem Boot einen stabilen Kurs zu geben. Allerdings ist es extrem anfällig für Querströmungen und Verwirbelungen. Kein Problem auf einem der großen Seen, auf so einem Kanal mit Querverbindungen, Seitenarmen und vor allem an Schleusenausfahrten kann man schon mal überrascht werden, wenn es einen plötzlich stärker in die Böschung treibt als üblich. Hier macht sich die kurze Bauform direkt bemerkbar. Auch kräftige Paddelstöße in der DSCF0005Beschleunigungsphase können schnell zu einem Zickzackkurs führen, der sich jedoch recht schnell stabilisiert. Das Boot nimmt auf ruhigen Gewässern kaum Wasser auf, auch wenn man mit dem Paddel etwas wilder herumspritzt. Wildwasser, auch leichtes, möchte ich diesbezüglich aber lieber nicht ausprobieren. Problematisch waren am Ende nur die eingeschlafenen Füße, mit denen es gar nicht so leicht war wieder heil auf den Steg zu kommen.

Test der Seetüchtigkeit

Diese erste Ausfahrt hat Spaß und vor allem Lust auf mehr gemacht. So war ich nur ein paar Tage später wieder unterwegs, diesmal alleine. Es sollte die Seetüchtigkeit getestet werden. Hierzu habe ich mir einen kleinen, ruhigen Abfluss des Schweriner Sees ausgesucht an dem ich das Kajak zu Wasser ließ. Von hier kommt man ohne Probleme nach wenigen 100m auf den offenen See, auf dem sich die Wellen bei Windstärke 4 doch schon etwas stärker kräuselten. Das Boot machte dabei keinerlei Probleme, auch wenn es in der Längsachse immer schön mit den Wellen mitging und sich dabei reichlich bog. IMG_0010Steif ist anders. Ich habe daher erst einmal vorgezogen mich im Uferbereich zu halten und vom wirklich offenem Wasser, wo selbst zu dieser Jahreszeit, auf diesem abgelegenen Fitzelchen Binnenwasserstraße noch ein paar Motorboote unterwegs waren, Abstand gehalten. Weitere Ausfahrten folgten und haben die ersten Erfahrungen bestätigt, aber das Gefühl für das Boot wurde schnell besser und mit Ausfahrt wurde auch die Grenze des Möglichen immer etwas weiter hinausgeschoben. Mit mehr Zeit und Übung dürfte das Kajak ein ziemlich guter Allrounder werden. Zumindest wenn man von langen Gepäckfahrten und Wildwasser absieht.

Mein Fazit

Probleme gab es mit dem Kajak eigentlich keine, wenn man sich an die paar Eigenheiten des Kajaks gewöhnt hat, ist es ein ruhiges und gutmütiges Boot. Für den Abendausflug oder auch die gelegentliche Tagestour genau richtig. Vor allem in der Stadt dürfte sich das kompakte und vor allem leichte Paket leicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren lassen oder auch in einem Kleinstwagen. Verarbeitungsmäßig gibt es ein paar verbesserungswürdige Kleinigkeiten. An meinem Testmodell war die Moosgummidichtung des Aluminium-Süllrandes bereits etwas herausgedrückt. Die dahinter liegende Falz hat hier aber zumindest derzeit noch entsprechenden Wassereinbruch verhindert. Ein schwerwiegenderes Problem ist allerdings der Bug- bzw. Hecküberzug aus Neopren. Dieser ist ausgesprochen praktisch, schützt es doch diese Partien bei Uferkontakt vor Beschädigungen. Auch der an der Oberseite angebrachte Griff erhöht die Handhabbarkeit bei Transport ungemein. Leider sind für die Befestigung des Griffes und eines Gurtbandes zur Arretierung des Selben auf der Oberseite des Bootes, diverse Löcher in das Neopren gestanzt. Dort wird mittels Kunststoffschrauben das Ganze zusammengehalten. Leider ist das Neopren hier recht stark beansprucht, was bei meinem Testmodell bereits bei der Ankunft für ausgefranste Löcher sorgte. Das Boot, samt Besatzung auf z.B. einen Sandstrand zu zeihen, geht hier definitiv nicht. Die gesamte Kraft geht hier direkt in das Neopren und kann dies dann auch schnell an die Belastungsgrenze bringen. Hier müsste mit einer Verstärkung mittels flächig aufgeklebtem Lederstreifen oder ähnlichem recht einfach Abhilfe zu schaffen sein. Das Auf- und Abbauen des Kajaks geht, mit entsprechender Übung, wirklich schnell von der Hand. In wenigen Minuten ist das Kajak aufgebaut und auf dem Wasser.

Das Oru Kayak ist eine geniale Lösung eines alten Problems. Schneller Aufbau, schneller Abbau und nur wenige Teile. Transport- und Lagerungsprobleme dürften mit diesem Kajak der Vergangenheit angehören. Ein paar kleinere Probleme mit der Haltbarkeit an zwei, drei Stellen sollten in der Fertigung vielleicht einmal zu Anpassungen führen, lassen sich aber auch mit wenigen eigenen Mitteln in den Griff bekommen. Sollte es noch eine etwas größere Version dieses Kajaks geben, wäre dies auch ein ideales Boot für den etwas längeren Piloten oder eventuell auch ausgedehnte Gepäckfahrten vor allem auf ruhigen Gewässern. So eine, leicht vergrößerte, Version würde ich mir umgehend zulegen wollen. Es macht einfach Spaß damit über die hiesigen Seen und Kanäle zu paddeln.

Kommentare

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1 Comment

  1. Andreas K.
    Januar 13, 22:49 #1 Andreas K.

    Danke für den Test und die Videos,
    ich habe mir diese Boot in der Kickstarter-Kampagne geholt – aber noch nicht gefahren, da warte ich auf wärmeres Wetter. Beim Probesitzen ist mir aber auch des etwas zu enge Einstieg aufgefallen – ein paar cm (oder Inches 😉 ) mehr wären schön gewesen. Insgesamt bin ich aber von dieser neuen Idee & Technik sehr begeistert.

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